Antibiotika gehören zu den grössten Errungenschaften der modernen Medizin: Sie haben unzählige Leben gerettet und Infektionen behandelbar gemacht, die früher oft tödlich verliefen. Doch ihre Wirkung ist keine Selbstverständlichkeit. Werden Antibiotika zu häufig oder falsch eingesetzt, verlieren sie mit der Zeit ihre Kraft – und genau das ist heute eines der grössten Probleme der globalen Gesundheit. Dieser Ratgeber erklärt allgemein verständlich, was Antibiotika leisten können, warum die konsequente und korrekte Einnahme so wichtig ist und weshalb Sie ein Antibiotikum niemals auf eigene Faust absetzen sollten. Er ersetzt keine ärztliche Behandlung, sondern hilft Ihnen, das Gespräch in der Arztpraxis und in Ihrer Apotheke gut vorzubereiten.
Was Antibiotika können – und was nicht
Antibiotika sind Medikamente, die Bakterien abtöten oder an ihrer Vermehrung hindern. Sie werden bei bakteriellen Infektionen eingesetzt – etwa bei bestimmten Lungenentzündungen oder gewissen Blasenentzündungen. Entscheidend ist: Ob eine solche Infektion vorliegt und ob ein Antibiotikum nötig ist, beurteilt die Ärztin oder der Arzt. In der Schweiz sind Antibiotika deshalb grundsätzlich rezeptpflichtig.
Gegen Viren sind Antibiotika dagegen wirkungslos. Das ist ein häufiges Missverständnis, denn viele alltägliche Beschwerden sind viral bedingt: Erkältung und Grippe, die meisten Halsschmerzen und Bronchitiden. Auch der allergische Schnupfen – wie beim Heuschnupfen – hat nichts mit Bakterien zu tun und wird mit ganz anderen Mitteln behandelt. Ein Antibiotikum «vorsorglich» gegen eine Erkältung einzunehmen, bringt keinen Nutzen. Es belastet den Körper mit möglichen Nebenwirkungen und trägt dazu bei, dass Bakterien mit der Zeit unempfindlich werden.
Die fünf Grundregeln auf einen Blick
- Nur bei Bedarf: Antibiotika helfen ausschliesslich gegen Bakterien und nur auf ärztliche Verordnung.
- Genau nach Verordnung: in den vorgesehenen, regelmässigen Abständen und über die verordnete Dauer einnehmen.
- Nicht eigenmächtig absetzen: auch dann nicht, wenn Sie sich bereits besser fühlen.
- Keine Reste verwenden: nicht aufheben, nicht weitergeben, nicht für später aufsparen.
- Fragen klären: zu Einnahme, Wechselwirkungen und Nebenwirkungen in Ihrer Apotheke beraten lassen.
| Auslöser | Typische Beispiele | Antibiotikum sinnvoll? |
|---|---|---|
| Bakterien | z. B. gewisse Lungen- oder Blasenentzündungen | Ja – wenn ärztlich abgeklärt und verordnet |
| Viren | Erkältung, Grippe, die meisten Halsschmerzen und Bronchitiden | Nein – Antibiotika sind wirkungslos |
| Allergie | z. B. Heuschnupfen | Nein – dafür gibt es andere Mittel |
| Pilze | z. B. Haut- oder Nagelpilz | Nein – hier braucht es Antimykotika |
Therapietreue: genau nach Verordnung einnehmen
Damit ein Antibiotikum zuverlässig wirkt, muss im Körper über die ganze Behandlung ein ausreichend gleichmässiger Wirkstoffspiegel bestehen. Deshalb kommt es auf die Therapietreue an – also darauf, das Mittel so einzunehmen, wie es verordnet wurde. Dazu gehört, die Einnahmen möglichst in regelmässigen Abständen über den Tag zu verteilen und keine auszulassen. Ob ein Antibiotikum zu einer Mahlzeit, davor oder danach eingenommen wird und womit es sich am besten verträgt, ist von Präparat zu Präparat unterschiedlich. Diese Angaben finden Sie in der Packungsbeilage; im Zweifel fragen Sie in Ihrer Apotheke nach.
Konkrete Mengen und Zeitabstände nennt dieser Ratgeber bewusst nicht – sie sind individuell und stehen in Ihrer Verordnung sowie in der Packungsbeilage. Nehmen Sie das Antibiotikum mit ausreichend Wasser ein; wenn etwas unklar ist, ist die Apotheke die richtige Anlaufstelle.
Warum Sie nicht eigenmächtig absetzen sollten
Viele Menschen fühlen sich nach wenigen Tagen deutlich besser und sind versucht, das Antibiotikum abzusetzen. Doch «sich besser fühlen» bedeutet nicht zwingend, dass die Infektion vollständig überstanden ist. Wie lange Sie das Mittel einnehmen, legt die ärztliche Verordnung fest – und nur die Ärztin oder der Arzt entscheidet über ein früheres Ende. Ein eigenmächtiger Abbruch oder ausgelassene Einnahmen können dazu führen, dass nicht alle Bakterien erfasst werden. Möchten Sie die Behandlung wegen Nebenwirkungen beenden, brechen Sie nicht einfach ab, sondern sprechen zuerst mit der Arztpraxis oder Ihrer Apotheke.
Antibiotikaresistenz: das grosse Bild
Jede Einnahme eines Antibiotikums übt einen Druck auf Bakterien aus. Empfindliche Keime sterben ab, widerstandsfähige können überleben und sich weiter vermehren. Werden Antibiotika zu oft oder unsachgemäss eingesetzt, breiten sich solche resistenten Bakterien stärker aus – bis Mittel, die früher zuverlässig wirkten, versagen. Resistenzen sind damit kein individuelles, sondern ein gemeinschaftliches Problem: Der umsichtige Gebrauch jedes Einzelnen schützt die Wirksamkeit dieser Medikamente für alle.
Grössenordnungen aus WHO-Angaben und einer globalen Übersichtsarbeit (Lancet 2022, siehe Quellen).
Die Schweiz begegnet dem Problem mit der nationalen «Strategie Antibiotikaresistenzen» (StAR), die von Bund und Fachstellen getragen wird. Ihr Ziel ist es, die Wirksamkeit von Antibiotika langfristig zu erhalten – unter anderem durch einen gezielteren Einsatz in Medizin und Tierhaltung. Als Patientin oder Patient leisten Sie den wichtigsten Beitrag, indem Sie Antibiotika nur nehmen, wenn sie ärztlich verordnet sind, und indem Sie sich genau an die Vorgaben halten.
Richtig anwenden: Wechselwirkungen, Nebenwirkungen, Reste
Antibiotika können sich mit anderen Medikamenten, mit bestimmten Nahrungsmitteln und mit Alkohol beeinflussen. Manche vertragen sich beispielsweise schlecht mit Milchprodukten oder mit säurebindenden Mitteln; andere machen die Haut empfindlicher gegenüber Sonnenlicht, sodass in dieser Zeit ein guter Sonnenschutz besonders wichtig ist. Was in Ihrem Fall gilt, steht in der Packungsbeilage. Nennen Sie in Ihrer Apotheke am besten alle Mittel, die Sie einnehmen – auch rezeptfreie Präparate und Nahrungsergänzungen –, damit mögliche Wechselwirkungen erkannt werden.
Wie alle Medikamente können Antibiotika Nebenwirkungen haben. Häufig sind Magen-Darm-Beschwerden wie Durchfall, weil auch nützliche Darmbakterien in Mitleidenschaft gezogen werden. Meist ist das vorübergehend. Treten jedoch heftige oder blutige Durchfälle auf oder Zeichen einer allergischen Reaktion, ist rasches Handeln gefragt (siehe Kasten).
Sofort handeln – Notruf 144 wählen bei Anzeichen einer schweren allergischen Reaktion nach der Einnahme: Atemnot, Schwellungen im Gesicht, an Lippen oder Zunge, Kreislaufschwäche oder ein sich rasch ausbreitender Hautausschlag. Bei heftigen, anhaltenden oder blutigen Durchfällen während oder nach einer Antibiotika-Behandlung suchen Sie ärztlichen Rat.
Bei versehentlicher Einnahme, einer möglichen Überdosierung oder wenn ein Kind Tabletten erwischt hat, erreichen Sie Tox Info Suisse rund um die Uhr unter 145. Im Zweifel gilt: lieber einmal zu viel nachfragen als zu wenig – in der Apotheke, in der Arztpraxis oder über die Notfallnummern.
Bleiben nach der Behandlung Tabletten übrig, gilt eine klare Regel: keine Reste aufheben, nicht für den nächsten Infekt aufsparen und niemals an Familie oder Bekannte weitergeben. Ein Antibiotikum gehört immer zur konkreten, ärztlich abgeklärten Erkrankung. Nicht mehr benötigte Medikamente entsorgen Sie nicht über die Toilette, sondern geben sie zur fachgerechten Entsorgung in Ihrer Apotheke ab. Einen breiteren Überblick zum sicheren Umgang mit Medikamenten bietet unser Apotheken-Ratgeber.
Häufige Fragen
Wirken Antibiotika gegen Erkältung und Grippe?
Nein. Antibiotika wirken ausschliesslich gegen Bakterien. Erkältung und Grippe werden jedoch durch Viren verursacht, gegen die Antibiotika nichts ausrichten. Auch die meisten Halsschmerzen, Bronchitiden und Nasennebenhöhlen-Beschwerden sind viral bedingt. Eine unnötige Einnahme bringt keinen Nutzen, kann aber Nebenwirkungen verursachen und Resistenzen fördern. Ob eine bakterielle Infektion vorliegt, klärt die Ärztin oder der Arzt; bei Fragen lassen Sie sich in Ihrer Apotheke beraten.
Darf ich das Antibiotikum absetzen, wenn es mir besser geht?
Setzen Sie ein Antibiotikum nicht eigenmächtig ab, auch wenn Sie sich rasch besser fühlen. Wie lange Sie das Mittel einnehmen, legt die ärztliche Verordnung fest. Ein vorzeitiger Abbruch oder ausgelassene Einnahmen können dazu führen, dass nicht alle Bakterien erfasst werden. Wenn Sie das Medikament wegen Nebenwirkungen absetzen möchten, sprechen Sie zuerst mit der Arztpraxis oder Ihrer Apotheke.
Was ist eine Antibiotikaresistenz?
Von Resistenz spricht man, wenn Bakterien unempfindlich gegen ein Antibiotikum werden, das sie früher abtöten konnte. Je häufiger und unsachgemässer Antibiotika eingesetzt werden, desto stärker breiten sich solche widerstandsfähigen Keime aus. Die Weltgesundheitsorganisation zählt Antibiotikaresistenzen zu den grössten Gefahren für die globale Gesundheit. Ein umsichtiger Gebrauch schützt die Wirksamkeit dieser Medikamente für alle.
Was mache ich, wenn ich eine Einnahme vergessen habe?
Nehmen Sie nicht einfach die doppelte Menge, um eine vergessene Einnahme nachzuholen. Wie Sie in einem solchen Fall vorgehen, steht in der Packungsbeilage; im Zweifel fragen Sie in Ihrer Apotheke oder in der Arztpraxis nach. Wichtig ist, das Antibiotikum danach wieder in den vorgesehenen, regelmässigen Abständen weiter einzunehmen.
Darf ich zu Antibiotika Alkohol trinken oder Milchprodukte essen?
Das lässt sich nicht pauschal beantworten. Manche Antibiotika vertragen sich schlecht mit Alkohol, mit Milchprodukten oder mit bestimmten anderen Medikamenten, und einige können die Haut empfindlicher für Sonnenlicht machen. Was in Ihrem Fall gilt, entnehmen Sie der Packungsbeilage und besprechen es mit Ihrer Apotheke. Erwähnen Sie dort auch alle weiteren Mittel, die Sie einnehmen.
Was mache ich mit übrig gebliebenen Antibiotika?
Heben Sie Reste nicht für den nächsten Infekt auf und geben Sie sie nicht an andere Personen weiter. Ein Antibiotikum gehört immer zur konkreten, ärztlich abgeklärten Erkrankung. Nicht mehr benötigte Medikamente entsorgen Sie nicht über die Toilette, sondern geben sie zur fachgerechten Entsorgung in Ihrer Apotheke ab.
Quellen
- Weltgesundheitsorganisation (WHO): Antimicrobial resistance – Fact sheet.
- Murray CJL, et al. Global burden of bacterial antimicrobial resistance in 2019: a systematic analysis. The Lancet. 2022;399(10325):629–655. DOI: 10.1016/S0140-6736(21)02724-0 (via PubMed).
- Llor C, Bjerrum L. Antimicrobial resistance: risk associated with antibiotic overuse and initiatives to reduce the problem. Therapeutic Advances in Drug Safety. 2014;5(6):229–241. DOI: 10.1177/2042098614554919 (via PubMed).
- Bundesamt für Gesundheit (BAG): Strategie Antibiotikaresistenzen Schweiz (StAR) und richtiger Umgang mit Antibiotika.
- Swissmedic – Schweizerisches Heilmittelinstitut: Arzneimittelinformation und sichere Anwendung von Arzneimitteln.
- pharmaSuisse – Schweizerischer Apothekerverband: Beratung in der Apotheke.