Kaum ist der Langstreckenflug gebucht, taucht die Frage auf: Braucht es Kompressionsstrümpfe – oder ist das übertrieben? Rund um die sogenannte Reisethrombose kursieren viele pauschale Ratschläge, von "Strümpfe für alle" bis "reine Geldmacherei". Beides wird der Sache nicht gerecht. Entscheidend ist nicht das Reiseziel, sondern Ihr persönliches Risikoprofil. Dieser Ratgeber ordnet allgemein verständlich ein, wie gross das Risiko im Flieger tatsächlich ist, was jede und jeder mit einfachen Mitteln tun kann und für wen sich Kompressionsstrümpfe wirklich lohnen. Er ersetzt keine ärztliche Beurteilung, sondern hilft Ihnen, in der Arztpraxis und in Ihrer Apotheke die richtigen Fragen zu stellen.
Was ist eine Reisethrombose – und wie gross ist das Risiko?
Bei einer Reisethrombose bildet sich in einer tiefen Beinvene ein Blutgerinnsel, ein sogenannter Thrombus. Sie wird auch Flug- oder Reisethrombose genannt, umgangssprachlich manchmal "Economy-Class-Syndrom". Begünstigt wird sie durch langes, bewegungsarmes Sitzen mit angewinkelten Beinen: Das Blut versackt in den Beinvenen und fliesst langsamer. Dazu kommen die trockene Kabinenluft und der niedrigere Luftdruck, die zu einem Flüssigkeitsmangel beitragen können. Gefährlich wird es vor allem dann, wenn sich ein Gerinnsel löst und in die Lunge geschwemmt wird – eine Lungenembolie.
Die gute Nachricht zuerst: Für die allermeisten Reisenden ist das absolute Risiko gering. Studien deuten darauf hin, dass sich das Thromboserisiko nach längeren Flügen – üblicherweise ab etwa vier Stunden – ungefähr verdoppelt bis verdreifacht. Das klingt viel, geht aber von einem niedrigen Grundrisiko aus, sodass die grosse Mehrheit gar nichts bemerkt. Das Risiko steigt mit der Flugdauer und – vor allem – mit persönlichen Risikofaktoren. Nicht die Sitzklasse ist entscheidend, sondern die Bewegungsarmut: Auch am Fensterplatz in der Business Class sitzt man stundenlang still. Genau deshalb ist die pauschale Empfehlung "Strümpfe für alle" wenig hilfreich: Wer profitiert, entscheidet sich am Risikoprofil, nicht an der Flugnummer.
Vorbeugen in der richtigen Reihenfolge
- Bewegung zuerst: regelmässig aufstehen, im Gang gehen, Waden anspannen, Fussgelenke kreisen.
- Ausreichend trinken: genügend Wasser, mit Alkohol und viel Kaffee zurückhaltend sein.
- Bequem kleiden: nichts Einschnürendes an Beinen und Bauch.
- Kompression gezielt: Kompressionsstrümpfe bei erhöhtem Risiko – gut angepasst statt irgendein Modell.
- Beratung nutzen: Risikoprofil und passende Strümpfe in Apotheke oder Arztpraxis klären.
| Risikostufe | Wer typischerweise dazugehört | Sinnvolle Massnahme |
|---|---|---|
| Niedriges Risiko | Gesunde Reisende ohne besondere Risikofaktoren, kürzere bis mittlere Flüge | Bewegung und ausreichend trinken genügen meist – Strümpfe nicht zwingend |
| Mittleres Risiko | z. B. höheres Alter, Übergewicht, Krampfadern, Schwangerschaft, sehr langer Flug | Bewegung und Flüssigkeit plus Kompressionsstrümpfe erwägen – in der Apotheke beraten lassen |
| Hohes Risiko | z. B. frühere Thrombose oder Lungenembolie, kürzliche Operation, aktive Krebserkrankung, bekannte Gerinnungsstörung | Vor der Reise ärztlich abklären; Massnahmen werden individuell festgelegt |
Bewegung und Flüssigkeit zuerst
Die wirksamste Vorbeugung kostet nichts und gilt für alle: Bewegung. Stehen Sie nach Möglichkeit etwa jede Stunde auf und gehen Sie ein paar Schritte durch den Gang. Auch im Sitzen lässt sich viel tun – spannen Sie regelmässig die Wadenmuskeln an, wippen Sie mit den Fussspitzen und kreisen Sie die Fussgelenke. Dahinter steckt ein einfacher Mechanismus: Die Wadenmuskeln wirken wie eine Pumpe und befördern das Blut aus den Beinvenen zurück Richtung Herz. Ein Platz am Gang macht es leichter, öfter aufzustehen.
Der zweite Baustein ist Flüssigkeit. Die trockene Kabinenluft entzieht dem Körper Wasser; trinken Sie deshalb regelmässig – am besten Wasser – und halten Sie sich mit Alkohol zurück, der zusätzlich entwässert und müde macht. Wichtig zur Einordnung: Trinken löst kein bestehendes Gerinnsel auf, sondern hilft, dass es gar nicht erst entsteht. Wer nach der Landung mit dem Zeitzonen-Wechsel kämpft, findet ergänzende Hinweise in unserem Beitrag zu Melatonin bei Jetlag.
Ein Wort zu den Beinen: Ein leichtes Spannungsgefühl oder geschwollene Knöchel nach langem Sitzen sind nicht dasselbe wie ein nächtlicher Wadenkrampf und auch nicht automatisch eine Thrombose. Wer generell zu Krämpfen in den Waden neigt, findet dazu Einordnendes im Beitrag zu Magnesium bei Wadenkrämpfen. Diese einfachen Massnahmen – Bewegung, Trinken, bequeme Kleidung – bilden die Basis für jede Reisende und jeden Reisenden. Bei erhöhtem Risiko reichen sie allein jedoch nicht immer aus.
Für wen sind Kompressionsstrümpfe sinnvoll?
Kompressionsstrümpfe üben von aussen einen sanften, nach oben abnehmenden Druck auf das Bein aus. Das unterstützt die Venen, hält das Blut in Bewegung und beugt einer Schwellung vor. Eine Cochrane-Übersicht aus zwölf randomisierten Studien mit Flugreisenden zeigt: Wer auf Flügen von mehreren Stunden Kompressionsstrümpfe trägt, hat deutlich seltener eine stille, also symptomlose Beinvenenthrombose, und auch geschwollene Beine treten seltener auf. Zugleich ist die Studienlage ehrlich einzuordnen – in diesen Untersuchungen traten keine Todesfälle, keine Lungenembolien und keine spürbaren Thrombosen auf, sodass sich der Effekt auf solche seltenen, aber schweren Ereignisse nicht beziffern lässt. Und die meisten Teilnehmenden hatten ein niedriges bis mittleres Risiko.
Fachleute empfehlen deshalb einen risiko-gestuften Ansatz statt der Giesskanne. Für Reisende mit erhöhtem Risiko raten Leitlinien zu Bewegung und gut sitzenden Kompressionsstrümpfen; für alle anderen wird das routinemässige Tragen nicht empfohlen. Medikamente zur reinen Vorbeugung – etwa gerinnungshemmende Mittel – sind für gesunde Reisende ausdrücklich kein Standard und kommen nur bei besonderer ärztlicher Indikation infrage.
Wer hat ein erhöhtes Thromboserisiko beim Fliegen?
Zu den anerkannten Risikofaktoren zählen unter anderem:
- eine frühere Thrombose oder Lungenembolie;
- eine bekannte Gerinnungsstörung (Thrombophilie) bei Ihnen selbst oder in der Familie;
- eine kürzliche grössere Operation, Verletzung oder ein Gipsverband;
- eine aktive Krebserkrankung;
- Schwangerschaft und die Wochen nach der Geburt;
- Einnahme hormonhaltiger Mittel wie der Pille oder einer Hormontherapie;
- höheres Alter, starkes Übergewicht und ausgeprägte Krampfadern;
- stark eingeschränkte Beweglichkeit sowie sehr lange oder rasch aufeinanderfolgende Flüge.
Treffen mehrere Punkte zu, summiert sich das Risiko. Entscheidend ist bei Strümpfen die Passform: Sie sollten richtig gemessen und in der passenden Kompressionsstärke gewählt werden. Ein zu enges oder falsch sitzendes Modell kann eher schaden als nützen. Lassen Sie sich deshalb in Ihrer Apotheke ausmessen und beraten, welche Ausführung für Ihre Reise geeignet ist. Konkrete Druckwerte oder Kompressionsklassen nennt dieser Ratgeber bewusst nicht – das ist eine individuelle Frage.
Grössenordnungen aus WHO-Angaben und der Cochrane-Übersicht (2021, siehe Quellen).
Warnzeichen nach dem Flug
Eine Beinvenenthrombose macht sich meist an nur einem Bein bemerkbar. Typisch sind eine Schwellung, ziehende oder krampfartige Schmerzen in der Wade, ein Spannungs- oder Schweregefühl, eine Überwärmung sowie eine bläulich-rötliche Verfärbung. Solche Zeichen können nicht nur während des Fluges, sondern noch Tage bis Wochen danach auftreten. Ein einseitig geschwollenes, schmerzendes Bein nach einer langen Reise sollte deshalb ernst genommen und ärztlich abgeklärt werden – warten Sie nicht einfach ab.
Sofort handeln – Notruf 144 wählen bei Anzeichen einer Lungenembolie nach dem Flug: plötzliche Atemnot, stechende, atemabhängige Brustschmerzen, Herzrasen, Bluthusten oder ein Kollaps. Bei einem einseitig geschwollenen, schmerzenden oder überwärmten Bein suchen Sie rasch ärztliche Hilfe, statt zuzuwarten.
Bei versehentlicher Einnahme oder einer möglichen Überdosierung von Medikamenten erreichen Sie Tox Info Suisse rund um die Uhr unter 145. Im Zweifel gilt: lieber einmal zu viel nachfragen als zu wenig – in der Apotheke, in der Arztpraxis oder über die Notfallnummern.
Einordnung: was die Evidenz hergibt
Kompressionsstrümpfe sind eine risikoarme Massnahme mit belegtem Nutzen bei einem eng gefassten Ziel: Sie verringern bei Flugreisenden stille Beinvenenthrombosen und Beinschwellungen. Zugleich lösen sich viele dieser symptomlosen Gerinnsel von selbst wieder auf, und ob Strümpfe seltene schwere Ereignisse wie eine Lungenembolie verhindern, ist mangels solcher Fälle in den Studien nicht belegt. Für gesunde Reisende ohne Risikofaktoren sind sie deshalb kein Muss, sondern eine Option. Für Menschen mit Risikofaktoren dagegen sind sie eine sinnvolle, gut verträgliche Ergänzung zu Bewegung und Flüssigkeit. So bleibt die Botschaft ehrlich und praktisch zugleich, statt Angst zu schüren oder falsche Sicherheit zu versprechen. Kurz: Bewegung und Trinken für alle, gezielte Kompression bei erhöhtem Risiko, individuelle ärztliche Beratung bei hohem Risiko. Einen breiteren Überblick zum sicheren Umgang mit Medikamenten bietet unser Apotheken-Ratgeber; zur klassischen Reiseapotheke gehören übrigens auch Mittel gegen Reisedurchfall.
Häufige Fragen
Braucht man auf Langstreckenflügen Kompressionsstrümpfe?
Nicht automatisch. Für gesunde Reisende ohne besondere Risikofaktoren stehen Bewegung und ausreichendes Trinken an erster Stelle; Kompressionsstrümpfe sind dann kein Muss. Sinnvoll werden sie vor allem, wenn Risikofaktoren dazukommen – etwa eine frühere Thrombose, eine kürzliche Operation, eine Schwangerschaft oder deutliches Übergewicht. Studien deuten darauf hin, dass Strümpfe bei Flugreisenden stille Beinvenenthrombosen und Beinschwellungen verringern können. Ob sie für Sie sinnvoll sind und welche Passform geeignet ist, klären Sie am besten in Ihrer Apotheke oder Arztpraxis.
Wie beugt man einer Reisethrombose vor?
Am wichtigsten ist Bewegung: regelmässig aufstehen, im Gang ein paar Schritte gehen und immer wieder die Wadenmuskeln anspannen sowie die Fussgelenke kreisen lassen. Trinken Sie ausreichend Wasser und halten Sie sich mit Alkohol zurück. Bequeme, nicht einschnürende Kleidung hilft zusätzlich. Wer ein erhöhtes Risiko hat, kann zusätzlich Kompressionsstrümpfe tragen. Bei bekannten Vorerkrankungen sollten Sie die Reise vorab ärztlich besprechen.
Wer hat ein erhöhtes Thromboserisiko beim Fliegen?
Das Risiko steigt unter anderem bei einer früheren Thrombose oder Lungenembolie, einer bekannten Gerinnungsstörung, nach einer kürzlichen Operation oder Verletzung, bei einer aktiven Krebserkrankung, in Schwangerschaft und Wochenbett, bei Einnahme von Hormonen, mit höherem Alter, bei starkem Übergewicht, ausgeprägten Krampfadern und eingeschränkter Beweglichkeit. Sehr lange Flüge verstärken den Effekt. Treffen mehrere Punkte zu, lohnt sich eine individuelle Beratung in der Apotheke oder Arztpraxis.
Helfen Bewegung und Trinken gegen eine Reisethrombose?
Sie sind die Grundlage jeder Vorbeugung. Aktive Wadenmuskeln wirken wie eine Pumpe und halten das Blut in den Beinvenen in Bewegung; genügend Flüssigkeit beugt dem Eindicken durch die trockene Kabinenluft vor. Wichtig zu wissen: Trinken löst keinen bestehenden Thrombus auf, sondern hilft, ihn gar nicht erst entstehen zu lassen. Bei erhöhtem Risiko ersetzen diese Massnahmen die gezielte Kompression allerdings nicht.
Welche Warnzeichen einer Thrombose gibt es nach dem Flug?
Typisch sind Beschwerden meist an nur einem Bein: eine Schwellung, ziehende oder krampfartige Schmerzen in der Wade, ein Spannungs- oder Schweregefühl, Überwärmung oder eine bläulich-rötliche Verfärbung. Solche Zeichen können noch Tage bis Wochen nach dem Flug auftreten. Kommen plötzliche Atemnot, atemabhängige Brustschmerzen oder Herzrasen dazu, kann das auf eine Lungenembolie hindeuten – wählen Sie sofort den Notruf 144. Bei Verdacht auf eine Beinthrombose warten Sie nicht ab, sondern suchen rasch ärztliche Hilfe.
Quellen
- Clarke MJ, Broderick C, Hopewell S, Juszczak E, Eisinga A. Compression stockings for preventing deep vein thrombosis in airline passengers. Cochrane Database of Systematic Reviews. 2021;4:CD004002. DOI: 10.1002/14651858.CD004002.pub4 (via PubMed).
- Kahn SR, et al. Prevention of VTE in nonsurgical patients: Antithrombotic Therapy and Prevention of Thrombosis, 9th ed: American College of Chest Physicians Evidence-Based Clinical Practice Guidelines. Chest. 2012;141(2 Suppl):e195S–e226S. DOI: 10.1378/chest.11-2296 (via PubMed).
- Krasiński Z, Chou A, Stępak H. COVID-19, long flights, and deep vein thrombosis: What we know so far. Cardiology Journal. 2021;28(6):941–953. DOI: 10.5603/CJ.a2021.0086 (via PubMed).
- Weltgesundheitsorganisation (WHO): WRIGHT Project (WHO Research Into Global Hazards of Travel) – Reisen und venöse Thromboembolien.
- Bundesamt für Gesundheit (BAG) und Swissmedic – Schweizerisches Heilmittelinstitut: Informationen zu sicherer Anwendung von Arzneimitteln und zur Reiseapotheke.